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Kultur Macht Europa Magazine
22.11.2007
Europa hat nicht nur Probleme mit außereuropäischen Einflüssen. Auch innerhalb der EU stoßen die Gegensätze gelegentlich hart auf einander wie jetzt beim Konflikt um die Roma in Italien und Rumänien.
Lass uns nicht vergessen: neben kulturellen Fragen sind ungelöste Fragen entscheidend wie die der sozialen Partizipation, des Zugangs zur Bildung oder zum Arbeitsmarkt, kurz von Gleichheit und Ungleichheit, Einschluss und Ausschluss. Die Geschichte der Roma ist nicht nur in Rumänien eine Geschichte von verschiedenen Arten des Ausschlusses und auch von Diskriminierung. Man muss sehr aufpassen, dass diese Probleme nicht kulturalisiert, das heißt, nur auf kulturelle Unterschiede zurückgeführt werden.
Gegen die Ausschlussmechanismen in der Gesellschaft muss sich Kulturpolitik aus meiner Sicht mit Sozialpolitik kurzschließen und verbünden. Daneben ist es im engeren kulturpolitischen und kulturellen Bereich wichtig, Gegenbeispiele zu setzen. Die Europäische Kulturstiftung hat heuer beispielsweise zusammen mit dem Open Society Institut, der Allianz Stiftung und anderen den Roma Pavillon in Venedig gefördert - einen der ersten transnationalen Pavillons auf der Venedig Biennale überhaupt. Dazu gab es einen wunderbaren Katalog und einen Film über zeitgenössische Roma-Künstler. Er wird auch auf unserer Website zu sehen sein und kann auch angefordert werden.
Die Ausstellung als Ganze und einzelne Künstler werden in Prag, München und New York zu sehen sein. Wir müssen zunächst einmal das Bild schaffen, was zeitgenössische Roma-Kunst bedeuten kann – jenseits der Klischees beispielsweise der Musik. Gegen die immer wieder kehrenden Wellen von Erregung müssen wir immer wieder positive Beispiele setzen und lernen, sowie diese Prozesse fördern, fördern, fördern.
Noch einmal zum transnationalen Pavillon in Venedig zurück. In den Zeiten der Globalisierung ist der Verweis auf die weltweite Wirkung von kulturellen Einflüssen üblich. Gab es einmal eine Zeit, in der die Künste nicht grenzüberschreitend gewirkt hätten?
Nein, und dazu könnte man viel sagen. Ich möchte hier nur auf einige Unterschiede zwischen der heutigen und früheren Formen der Globalisierung hinweisen. Heute geht es in erster Linie um globale Finanzströme und die technisch möglich gewordene Verbreitung von unüberschaubaren Informationsmengen. Auf diese neuen Herausforderungen muss die Kunst- und Kulturkooperation heute auf spezifische Weise reagieren. Der kulturelle Austausch zwischen Afrika und Europa beispielsweise ist ein altes und vielschichtiges Phänomen, das sich nicht hat an Grenzen binden lassen. Unter den heutigen Bedingungen des internationalen Kapitalismus muss neu reflektiert werden, wie den sehr veränderten gesellschaftlichen Rechnung getragen werden kann.
Wenn man um die schon traditionelle Transnationalität von Kunst und Kultur weiß, gibt es dafür eine Lobby, die sich abhebt von der traditionellen, eher auf Nationalstaaten orientierten Kulturpolitiken?
Das sind vor allem Kunst- und Kulturnetzwerke, die leider wegen ihrer europäischen Orientierung nicht den nationalen Förderlogiken entsprechen. Sie spielen inzwischen eine deutlich stärkere Rolle im politischen Diskurs mit den Mitgliedsstaaten wie mit der EU. Auch, weil sich die Rahmenbedingungen zum Positiven geändert haben. Selbst hardliner der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik gestehen mittlerweile zu, dass Europa in der Welt sehr viel mit interkulturellem Respekt zu tun hat. Die Fähigkeit zum Hinhören und zum Verstehen sowie das „Verhandeln“ von Unterschieden ist in die Mitte der Politik gerückt. Das sieht man sehr deutlich im Bereich der entstehenden europäischen Außenpolitik. Wichtig ist auch, dass die Kulturagenda der Kommission von 2007 strategisch angelegt ist. Das macht den kulturellen Netzwerken Kommunikation und Einfluss leichter. Zugleich ist der Druck zur Verständigung über Spartengrenzen hinweg stärker geworden. Es geht um die Schaffung von kulturpolitischen Plattformen, die dann von der Kommission wirklich als schwergewichtige Partner ernst genommen werden müssen. Ein Beispiel hierfür ist die zivilgesellschaftliche Plattform für interkulturellen Dialog, der jetzt 219 Dachorganisationen angehören. Im Jahr 2008 wird sie ein Grundsatzpapier, das sog. Regenbogen-Papier, in den offiziellen Dialog einspeisen und bei den wichtigsten Veranstaltungen Druck machen für eine neue Diversitätspolitik. Aber natürlich ist noch sehr viel zu tun – eine Frage taucht natürlich immer wieder auf: wer hilft, diese zivilgesellschaftlichen Prozesse zu finanzieren?
Steht am Ende dieser Entwicklung die „European Citizenship“, von der Sie schon häufiger geschrieben und gesprochen haben?
Die Vergesellschaftungsprozesse von Interessen jenseits der lokalen und regionalen in Stadt, Region oder Nation sind sicher wichtig für die Ausbildung von so etwas wie einer europäischen Zivilgesellschaft, aber man darf das nicht nur auf die informelle zivilgesellschaftliche Ebene beziehen. Citizenship umfasst auch die Möglichkeit der Mitgestaltung und Kontrolle von Politik und das heißt auch die Zusammenarbeit mit und Kontrolle von Institutionen. Mit dem Reformvertrag von Lissabon wird das Europäische Parlament wichtiger und damit ein großer Schritt in Richtung Mitbestimmung möglich. Neben der zivilgesellschaftlichen müssen wir auch politische Verantwortung entwickeln, um public policy zu beeinflussen. Auch und gerade in der Kulturpolitik.
Die Fragen stellte Wolfgang Hippe.
Dr. Gottfried Wagner ist seit 2002 Generalsekretär der European Cultural Foundation in Amsterdam, Niederlande, einer pan-europäischen Einrichtung zur Förderung grenzüberschreitender Kulturzusammenarbeit und Entwicklung von kulturpolitischen Initiativen für ein gemeinsames Europa.
